Pressestimmen zur „Mea Culpa“-Uraufführung

Die Genrebezeichnung passt genau. Schlingensiefs „ReadyMadeOper“ collagiert in der Tat „objets trouvés“, Fundstücke aus dem kollektiven kunsthistorischen Gedächtnis, ein munter durcheinander gewirbeltes Zitatenlexikon unserer Kultur – sei’s das biblische Buch Kohelet, „Prediger Salomo“, das die Nichtigkeit der Nichtigkeiten verkündet, sei’s Elfriede Jelinek, die Schlingensief zu Ehren den Text „Tod-krank.Doc“ verfasste. Wie üblich verwendete er davon nur eine Wortdosis knapp über der Promillegrenze. Ebenso sind Goethe samt „Faust“ und mephistophelischer Katerweisheit („die Welt, sie steigt und fällt“) sowie Joseph Beuys in Schlingensiefs privater Walhalla gern gesehene Gäste. Letzterer, von ihm einst als fünfter Evangelist rekrutiert, ist wohl der ästhetische Pate des Abends. Denn der entspricht bis ins Detail den Anforderungen der von Beuys propagierten „sozialen Skulptur“ – eine multimediale Assemblage aus tönenden, bewegten, dreidimensionalen Bildern in einer vollgerümpelten rotierenden Kulissenstadt. Der bedenkenlos plündernde Gesamtkunstwerker Schlingensief inszeniert nicht Bühnenfiguren, sondern uns, die Zuschauer und deren Gefühle.

 aus: Ulrich Weinzierl: Das Unvollkommene, hier wird’s Ereignis. In: Die Welt, 22.3.2009.

Er nennt das Stück eine „ReadyMadeOper“. In drei Akten werden fertige Versatzstücke aus Literatur und Philosophie (etwa aus Nietzsches „Die fröhliche Wissenschaft“, Goethes „Faust“ oder Texte von Elfriede Jelinek, Derek Jarman, Leonard Cohen, Boris Groys, Slavoj Žižek u.a.) sowie Videobilder und Musik zu einem theatralen Memento mori zusammengeschmolzen. Der erste mit „ein Bild aus dem Jenseits ins Hier“ überschriebene Akt ist noch am ehesten der Schlingensief, wie wir ihn kennen: Auf der von Janina Audick mit Türmen, Fassaden, Zimmer [sic!], Nischen, Torbögen aufwendig gestalteten Drehbühne ziehen die Stationen des Dramas vorbei. Joachim Meyerhoff als Alter Ego von Schlingensief erfährt zusammen mit seiner Verlobten (Fritzi Haberlandt) von seiner Krankheit. Auf der Suche nach verschiedenen Heilungsorten und unterschiedlichen Heilungsmöglichkeiten führt uns das Stationendrama durch eine vielgestaltige Menschengemeinde von einem Speisesaal eines freakigen Ayurveda-Zentrums, deren Hausdichterin (Irm Hermann) und Direktorin (Margit Carstensen) kein Vers und kein Heilsversprechen dumm genug erscheinen, um ihre Geschäfte zu machen, über eine Kathedrale samt Krippenspiel bis hin zur afrikanischen Hütte mit Voodoo-Zauber. Auf einer vernagelten Bretterbude steht geschrieben „wegen Unsterblichkeit geschlossen“, der Sarg davor muss leer bleiben. Die gewaltige Szenerie wird zusammengehalten durch die Musik des Komponisten Arno Waschk. Aus Schubert, Bach, Mahler und immer wieder Wagner – „Parsifal“ und „Tristan“ – hat er, unterstützt vom Orchester Viva Musica Festival Orchestra Bratislava und vom Chor der Universität Wien, ein stets elegisch vibrierendes, suggestives Klanggebäude errichtet.

 aus: Patric Blaser: Der Tod soll bitte noch eine Zeit lang warten. In: Die Furche, 26.3.2009.

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Über Elfriede Jelinek-Forschungszentrum

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