Elfriede Jelinek: „Tod-krank.Doc“

Und jetzt ist das alles also kaputt, was ich mir so mühsam ausgedacht habe. Der Blutkuchen ist gebacken, die Brust ist leer, aber irgendwie schief, weil da was fehlt, weil ihrem Besitzer was fehlt, die schaffende Hand will etwas gefragt werden, aber sie gibt nichts mehr her. Sie hat einen Vertrag mit dem Körper geschlossen, doch der Vertrag wackelt bedrohlich, ein Vertrag kann natürlich kein Sockel sein für das arme Körperlein. Das Atmen beschwert sich bei mir, das Blut beschwert sich bei mir, die Höhle in meiner Brust kann nichts mehr sagen, nur Blutkuchen kaufen, von sich selbst kaufen, ab Bauernhof sozusagen, aber nicht essen, sie beschwert sich natürlich bei wem?, bei mir, bei wem sonst?! Das ist kein Kauf, das ist Eigenbedarf, Eigenerlag, da erliegt man sich selbst, indem man aus sich selbst heraus jetzt ausgerechnet einen Kuchen züchtet. Ich gebe die Beschwerde, daß ich nicht gut atmen kann, weiter an niemand, an das Niemand, das dankbar lächelt, weil es Beschwerden gewöhnt ist. Es ist auch ans Nichtstun gewöhnt. Ich muß arbeiten, sagt mir mein Körper, und gleichzeitig streicht er sich mit seiner Arbeit wieder durch, denn durch die Arbeit ist er ja erst so krank geworden. Vielleicht ist nun dieses Durchstreichen seiner selbst die eigentliche Arbeit? Schluß mit dem Umherschweifen, nach Afrika, Südamerika, zu den Oberhausener Filmtagen, oh, das ist zu nahe, das kann man Schweifen nicht mehr nennen, dem kann man keinen Schweif mehr anhängen wie einem Drachen. Das ist öffentlich, das ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Man zieht keinen Blutkuchen als Schleppe hinter sich her, das wäre zu anstrengend. Entweder man ißt den Kuchen selber, oder man verteilt ihn, oder man verteilt die Leere in der Brust, oder man gibt sich auf, hat aber die Adresse vergessen, wohin. Wohin mit mir? Ich morde mich nicht, und Kinder, die ich morden könnte, habe ich nicht. Wen soll ich ermorden? Soll ich etwa die Krankheit in mir ermorden? Nein. Sonst muß ich vielleicht mit ihr mitgehen! Sonst muß ich womöglich ihr Jausenpaket werden, das sie sich mitnimmt. Ich muß mit der Krankheit ohnedies mitgehen, ich kann sie nicht kränken, ich kann sie nicht wegstoßen, sie hängt so an mir. Ich kann sie nicht enttäuschen, na, komm halt mit, Krankheit!

aus: Elfriede Jelinek: Tod-krank.Doc. In: http://www.a-e-m-gmbh.com/wessely/ftkrank.htm, datiert mit 3.3.2009 und 21.8.2010 (= Elfriede Jelineks Homepage, Rubriken: Aktuelles, Theatertexte). (Beginn des Textes)
Der gesamte Text ist unter dem angegebenen Link einsehbar.

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Über Elfriede Jelinek-Forschungszentrum

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