Elfriede Jelinek: „Parsifal: (Laß o Welt o Schreck laß nach!)“

Parsifal sagt nichts. Er verbeißt sich sein Inneres, reißt sich den Schmerz aus der Brust und sucht und sucht und sucht. Bevor er findet, muß der Boden gefegt werden. Aber irgendjemand versteht darunter: Es muß der Boden hinweggefegt werden. Die Lippen drücken zwischen sich ihr Geheimnis zusammen und machen sich sofort an die Arbeit. Etwas singt. Parsifal freut sich so, daß er hier sein darf, im ewigen Sand, der bis ans leere Hausdach steht, das sich über der leuchtenden Wunde wölbt, dieser zarten alten gebrechlichen Wunde, und er sagt es auch. Aber er läßt den Kopf jetzt hängen, denn er sieht den Sand, und er sieht, er hat eine bodenlose Aufgabe zu bewältigen, er hat den Verlust aller liebevollen Unschuldigkeit zu gewärtigen, und er hat dafür sein Führungszeugnis zu verlieren, das ihm, dem inzwischen schwer Bescholtenen, doch seine Unbescholtenheit bescheinigen soll. Er weiß, er hat das Führungszeugnis irgendwo hingelegt. Dabei warten hier so viele, die geführt werden wollen! Er sagt viel zu ihnen. Trotzdem wissen sie nicht wohin mit sich. Er verbeißt sich die Kränkung, warum ist er nur so beleidigt worden?, und ist extra nach Afrika, um sich dort als Wasser auf diesen bodenlosen Grund zu vergießen, damit von ihm nichts übrigbleibt als ein leises Zischen. So zischt eine Schlange, wenn sie liebt! Aber auch der heiße Stein, wenn man ihm Wasser gibt. Parsifal muß das verstehen lernen.

aus: Elfriede Jelinek: Parsifal: (Laß o Welt o Schreck laß nach!). In: http://www.a-e-m-gmbh.com/wessely/farea.htm, datiert mit 13.2.2006 (= Elfriede Jelineks Homepage, Rubriken: Aktuelles, Theatertexte). (Beginn des Textes)

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Über Elfriede Jelinek-Forschungszentrum

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