Eva Kukuruz-Mittermann: Krieg im Bambiland

„Mitten in die verschwommene CNN-Nachtaufnahme vom Panzersozius hinein schaltet Elfriede Jelinek das Licht an.“ (Christoph Schlingensief: Unnobles Dynamit: Elfriede Jelinek. In: Bambiland. Babel. Zwei Theatertexte. Hamburg: Rowohlt 2004, S. 10) Elfriede Jelineks Text ist eine Abrechnung mit der Medienwelt, die den Irakkrieg via Satellit in die Wohnzimmer übertragen hat. Sie hat die medialen Nachrichten und Kommentare ausgeweidet, polemisch mit Zitaten aus den Persern des Aischylos durchschossen: Bambiland ist die moderne Kriegsspielzeuglandschaft für abenteuerlustige Helden. Jeder kann als „eingebetteter“ Journalist mitspielen und Mittäter werden (vgl. Programmheft des Wiener Burgtheaters zu Bambiland, S. 4) Als „Überwältigungsregisseur“ wünschte sich die Autorin Christoph Schlingensief.
Jelineks Kritik respektive Haltung gegenüber den Medien wurde auch von Schlingensief vertreten. (Er hat die Medien oft an den Pranger gestellt, z.B. in Talk 2000, Freakstars 3000, Bitte liebt Österreich) „Beide Künstler wollen zeigen, wie sehr die Wahrnehmung der Medien den Blick auf die Realität verstellt und bedienen sich dazu den Mitteln der Dekonstruktion. […] In Schlingensiefs Inszenierung wird Jelineks polemische Abrechnung mit dem Irakkrieg und den Medien zu einer provokanten Bühnenaktion, bei der mit kreischenden Bildern der Krieg und dessen mediale Inszenierung vorgeführt wird.“ (Julia Kowarik: Bilderflut in Bambiland. Wien, Dipl 2004, S. 24)
In der Aufführung von Bambiland blieben nur wenige Zeilen Jelineks übrig. Schlingensief setzte den Text mit seinen „Arbeitsmethoden um. Für Bambiland recycelte der Künstler Versatzstücke aus vorangegangen Arbeiten und ließ ebenso neue Elemente einfließen. Zu Beginn hat er Szenen aus ATTA-ATTA – Die Kunst ist ausgebrochen wiederverwertet – Schlingensief als rebellierender Sohn, der die Welt als bildender Künstler erobern möchte. In diesen Szenen brachte er biographische Bezüge ein. Der Regisseur blickte aber auch in die Zukunft, in dem er als Dirigent einer Wagner-Oper fungierte. (In Hinblick auf seine Parsifal-Inszenierung in Bayreuth 2004) Im Weiteren flossen Szenen aus der vorangegangenen Church of Fear-Aktion ein.
Schlingensief arbeitete in Bambiland mit Mitteln aller Kunstsparten: Schauspiel, Theater, Film und Fernsehen, Oper, Wiener Aktionismus sowie der bildenden Kunst. Schlingensief wirkte in der Inszenierung selbst als Regisseur, Schauspieler, Künstler und Dirigent mit. So können die Aufführung als „Gesamtkunstwerk“ und Schlingensief als „Gesamtkünstler“ betrachtet werden. Nicht zu vergessen sind die Mitglieder der Schlingensief-Familie, die ihm auch in Bambiland zur Seite standen.
Zum Bühnenbild gehörten drei Leinwände, die einerseits mit realen Kriegsszenen aus dem Irakkrieg, anderseits mit eigens gedrehtem Filmmaterial bespielt wurden. Das Burgtheaterpublikum wurde am Aufführungsende mit einem Pornofilm konfrontiert. So setzte Schlingensief in Bambiland abermals seine „Ekelästhetik“ ein, mithilfe derer gewalttätige, pornographische Szenen dargestellt wurden. Im Rezipienten wurde neben dem Gefühl des Ekels auch Angst hervorgerufen.
Schlingensief hielt ihnen einen Spiegel vor, in dem sie erkannten, dass sie es selbst waren, die bequem zu Hause das gewünschte „Wartainment“ zum damaligen Irakkrieg im TV genossen, während sie ihr Abendbrot zu sich nahmen. Mit Bambiland gelang es den beiden Künstlern Jelinek und Schlingensief, die grauenhaften Mechanismen der Medienwelt zu entlarven.

Eva Kukuruz-Mittermann, Studium der Geschichte und der Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien. Titel ihrer Diplomarbeit: Christoph Schlingensief und der Nationalsozialimus. […] Eine Spurensuche nach Bezügen zur NS-Zeit sowie zu rechtspopulistischen Parteien in Christoph Schlingensiefs Arbeiten.

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Über Elfriede Jelinek-Forschungszentrum

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