Pressestimmen zur „Bambiland“-Uraufführung

Dem Besucher von Christoph Schlingensiefs Jelinek-Inszenierung „Bambiland“ im Burgtheater geht es wie dem Sieger von Rudi Carrells legendärer Gameshow „Am laufenden Band“: Die Bilder sind so schnell an ihm vorbeigezogen, dass er sie unmöglich alle verarbeiten kann. Und dann war da noch ’n Fragezeichen: Was, bitte, war das jetzt genau, was wir da gesehen haben? Die Uraufführung von Elfriede Jelineks neuem Theatertext „Bambiland“ war es eher nicht – jedenfalls, wenn man davon ausgeht, dass der Text Bestandteil einer Uraufführung sein sollte. Davon nämlich kann im Burgtheater nicht die Rede sein: Von Jelineks Stück sind auf der Bühne nur Spurenelemente im Promillebereich auszumachen. Wobei man dazusagen muss, dass man natürlich auch bei diesem Jelinek-Text nicht wirklich von einem „Stück“ sprechen kann: „Bambiland“ ist ein einziger langer Textkörper, ohne Dialoge, Rollen und Szenenanweisungen. Die Autorin vermengt in einer langen Suada die Aischylos-Tragödie „Die Perser“ (das erste Zeitstück der Theatergeschichte erzählt aus der Perspektive der Besiegten vom erfolgreichen Feldzug der Griechen gegen die Perser) mit Medienberichten vom US-Feldzug gegen Saddam. Der Krieg, die Medien und die Kunst: Das ist im Prinzip auch Christoph Schlingensiefs Thema. Als Antwort auf den „Krieg gegen den Terror“ hatte der deutsche Filmregisseur, Theatermacher und Aktionist Anfang 2003 die Initiative „Church of Fear“ mitbegründet, die der weltweiten Terrorangst mit Affirmation begegnet: „Terror für alle!“

aus: Wolfgang Kralicek: Und noch ’n Fragezeichen. In: Falter 51-52/2003.

Tu l’as voulu, Elfriede Jelinek. Die Dichterin darf sich nicht beklagen. Zwar blieb von „Bambiland“, ihrer dramatischen Prosa über den Irak-Feldzug, nach der Uraufführung am Burgtheater kaum etwas übrig – der Jelinek-Gehalt im Christoph-Schlingensief-Cocktail bewegte sich unter der Promillegrenze. Aber sie hatte sich ihn ja ausdrücklich als Regisseur gewünscht. Und wo Schlingensief draufsteht, steckt naturgemäß Schlingensief drin. Frei nach „Des Knaben Wunderhorn“: „Bambiland“ ist abgebrannt / Schlingensief fliegt! Schon die Wochen davor hatten an Peymanns gute alte Wiener Zeit erinnert. Damals war der Rummel vor einer Premiere oft wichtiger gewesen als die Produktion. Unter Nachfolger Bachler herrschte bis dato eher die Regel: Hier gilt’s der Kunst, nicht dem Drumherum des „Events“. Schlingensiefs Engagement bewirkte einen Paradigmenwechsel: Zurück zur bekömmlichen Natur des Skandals! Der blieb jedoch leider aus. Dabei hat sich der unheilige Christoph redlich bemüht.

aus: Ulrich Weinzierl: Das Stück ist nichts, das Event ist alles. In: Die Welt, 15.12.2003.

„Bambiland“ ist eine Linksammlung: Schlingensief blickt auf „Atta Atta“ zurück, bringt seine Church-of-Fear-Bewegung ins Spiel, lässt zu Wagner-Musik Kirchen aus Glas vom Himmel schweben und nimmt so Bayreuth, wo er nächstes Jahr den „Parsifal“ inszenieren wird, vorweg (auf Leinwänden sieht man den zuständigen Dirigenten Pierre Boulez über Wagners Musik philosophieren). „Bambiland“ führt den Künstler als Durchlauferhitzer vor, der zwar nichts festhalten kann, durch den aber alles durchfließt. Der durch die Welt stapft wie durch ein Videogame. Der Abend ist visuell extrem „laut“ und bombastisch voll. Aber womit? Man fühlt sich hinterher, als hätte man exzessiv TV gezappt und wäre dann benommen eingeschlafen. Was gelaufen ist: Medienrauschen, Schlingensiefrauschen. In seinem visuellen Bombardement (Filmeinspielungen von Vietnamkriegsverletzten, Wiener Aktionismus, eine Prozession durch Wien, angeführt von Udo Kier und Margit Carstensen mit einem finalen professionellen Porno-come-Shot, der sogar bei Jelinek angelegt ist, bei Schlingensief in der amerikanischen Flagge landet) ist Schlingensief der jelinekschen Mediensuada des Irak-Krieges wahrscheinlich sogar erstaunlich nahe, auch wenn der Originaltext nur in Partikeln vorkommt.

aus: Karin Cerny: Weitermachen im Korsett. In: Theater der Zeit 2/2004.

Advertisements

Über Elfriede Jelinek-Forschungszentrum

Blog-Redaktion
Dieser Beitrag wurde unter Bambiland, JELINEK/SCHLINGENSIEF/BLOG veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s