Brigitte Marschall: Umschlagplatz Bambiland: theatral-digitale Spielwelten

„Es ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre“ äußerte Elfriede Jelinek unmittelbar nach dem Tod von Christoph Schlingensief. Unweigerlich ist an Adornos Motto aus den Minima Moralia „Das Leben lebt nicht“ zu denken, das Schlingensief verkehrt: Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit waren keine Optionen für ihn. Ist die Welt auch eine versehrte und der Künstler notgedrungen ebenfalls ein Versehrter, muss er mitten in ihr agieren, muss sich  und die Öffentlichkeit der Angst, der Beklemmung und den Mechanismen der Macht, der Gewalt aussetzen. Die hohe, auch über längere Zeiträume anhaltende Intensität seiner Arbeiten überschreitet soziale und kulturelle Schwellen. Das körperliche Agieren vor Publikum versetzte Schlingensief in intensive Momente, in einen kaum noch kontrollierbaren Aussagewillen. Figuralen Abgüssen gleich mutieren seine Zeichnungen und Ideen zu Manifestationen des Lebendigen, materiell fixiert in hieratischen Posen und Figuren. Malerei, Zeichnung, Performance, Theater und Film werden gleichwertig und mit gleitenden Übergängen eingesetzt. Schingensief versteht, hierin Jelinek ähnlich, den neuen Narzissmus der Informations- und Kommunikationstechnologien in autonome ästhetische Codes und künstlerische Formen einzubinden und zugleich zum „Iconoclash“ (Bruno Latour, 2002) zu führen. Ausgehend vom Wunsch Elfriede Jelineks wird für die Uraufführung ihres Textes Bambiland Schlingensief  als Regisseur 2003 ans Burgtheater geholt. Bambiland wird als „zweiter attaistischer Abend“ Teil seiner Atta-Trilogie, bestehend aus den Theateraktionismen Atta Atta und Attabambi-Pornoland. Im Zusammen/Schnitt der digitalen und analogen Medien wird der Jelinek Text gekreuzt, gewendet, entblößt und entreißt den Jägern und den Gejagten permanent die Beute, verniedlicht im Symbol des Bambis. Die Guckkastenbühne des Burgtheaters ist von (Irak)Krieg und  Sexualität durchtränkt, die Geschlossenheit der theatralen  Repräsentation zertrümmert, die Theaterkonvention des „Als Ob“ durch den fundamentalen Zweifel an jeglichem zugrunde liegendem Realitätsgehalt zerstört. In Film- und Videobildern werden Porno und Terror-Regime gezeigt, die Darsteller auf der Bühne gezwungen über den Kunstraum des Theaters hinaus ihre Menschen-Natur bearbeiten zu lassen. Sperma und Blut werden als lebende Kunstwerke im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit ihrer Multiplizierung und weltweiten Verwertbarkeit zugeführt. Die Zeitlichkeit der Film- und Spielszenen überträgt sich in den Raum als Erfahrung, nirgendwo Bodenhaftung zu haben. Die diagonale Blickführung drängt aus den Videobildern, scheint den Zuschauer durch die Untersicht geradezu an- und einzusaugen, will er die nach oben ansteigenden Stadtlandschaften und Kriegsschauplätze erfassen. Nomadenhaft wandert die Wahrnehmung hin und her, um endlich eine Perspektive zu sehen. Das Rauminterieur wird zum Resonanzkörper von Gegenwart und Geschichte, aneinander gekettet als Adaptionen der (Über)Lebenden.

Brigitte Marschall ist Professorin am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.

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Über Elfriede Jelinek-Forschungszentrum

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