Schlingensief: „Unnobles Dynamit“

Krieg und Trieb schenkt sie nie Verstand, denn beide brauchen keinen guten Grund – nur Abgrund brauchen beide; Gräben, um Leichen, Minen, Wahrheit zu verscharren. Elfriede Jelinek, die Pathologin, die Minensucherin und Wahrheitsfinderin gräbt sie wieder aus, damit wir uns die Hände und Köpfe nicht schmutzig machen. Daß wir alle bereit sind, Krieg zu einem Unterhaltungs-, einem Industrie. und Hotelkomplex zu machen, in dem man vorübergehend eincheckt, das ist ihr Thema. Ebenso die Fahrlässigkeit der Sprache als technisch raffinierteste aller Waffen. In Bambiland und weit über Bambiland hinaus reißt Jelinek allen die Siegermaske vom Gesicht. Wir sind die Verlierer, die Götter verschwunden, die Tyrannen verlogen, die Kriegsheimkehrer heimat- und die Daheimgebliebenen orientierungslos. Der Kriegskarneval ist vorbei! Kehraus ist angesagt. Elfriede Jelineks Besen kehren gut. Sie kehren scharf. Die Staatskriege werden nicht weniger. Um so mehr brauchen wir Staatsfeinde, Störenfriede. Bis zum nächsten Krieg, Elfriede Jelinek!

aus: Christoph Schlingensief: Unnobles Dynamit: Elfriede Jelinek. In: Elfriede Jelinek: Bambiland. Reinbek: Rowohlt 2004, S. 7-12, S. 11-12.

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Über Elfriede Jelinek-Forschungszentrum

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