Elfriede Jelinek: „Bambiland“

Schon durchdringt schon dringt hindurch die Sonne, erster Bote des Leids, zu dem Herrn wie heißt er nur, jeder weiß, wie er heißt, schon durchdringt das Heer die Stadt, an Masse mächtig das Heer, doch nicht mächtig genug, durch Hungernde, Durstende würgt sichs hindurch, das Heer, auch durch die auf dem Weg drohende Stadt voller Menschen, allzu groß, maßlos an Zahl, so bös ihre Taten, kleiner nicht ist, was sie duldet, die Stadt, anheimelnd im Grund, wie sie da liegt in der Wüste, die Einwohner von der Sonne längst zum Tonheer gebrannt. Wie können wir nach alldem wieder gut werden mit dem Babyloniervolk? Was man auch sagt, die brüllen nur Wasser nur Wasser nur Wasser, nur Essen, nur Essen. Mein Sohn, mein Sohn, meine zwei Söhne, meine drei Söhne, meine vier Söhne. Alle weg. Alle weg. Am liebsten beides gemeinsam: Wasser und Essen. Pakete mit Nahrung, los ihr, runter von den Wagen, etwas schneller bitte, sonst schlagen, nicht mehr benetzt vom Wasser, die Städter der erwählten Schar des Herrn noch die Schädel ein und damit eine ganze Welt der Gefühle, wie nur wir nur wir im Westen sie kennen, und eine Welle des Hasses, wie nur die dort sie kennen. Auch wir haben Durst, jawohl, aber wir hassen wenigstens nicht, jawohl, doch wir haben auch Gefühle dazu. Die äußern wir wenigstens nicht. Wir sind nicht total gefühllos, und wo führen wir sie hin, die Gefühle? Wo kommen sie her, wo gehen sie hin?  Wo führen sie uns hin? Zur Befreiung des Volks führn sie uns hin. Was führen die sich dann so auf? Wollen nicht frei sein? Frei sein nur unter der Voraussetzung, verstanden zu werden? Was? Es wird immer zuviel oder zuwenig gesagt.

aus: Elfriede Jelinek: Bambiland. Reinbek: Rowohlt 2004, S. 15-16 (Beginn des Textes)

Der gesamte Text ist auf Jelineks Homepage unter folgendem Link nachzulesen: http://www.a-e-m-gmbh.com/wessely/fbambi.htm. Dort finden sich auch zwei englische Übersetzungen des Textes, eine von Lilian Friedberg (http://www.a-e-m-gmbh.com/wessely/fbambius.htm) aus dem Jahr 2007 und eine von Angelika Peaston-Startinig und Jennie Wright (http://www.a-e-m-gmbh.com/wessely/fbambie.htm) aus dem Jahr 2004. Weiters kann auf Jelineks Homepage das von Bärbel Lücke verfasste Nachwort in einer erweiterten Fassung nachgelesen werden (http://www.a-e-m-gmbh.com/wessely/fessay.htm).

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