Elfriede Jelinek über Christoph Schlingensief

Bei der Zusammenarbeit mit Christoph, in den ich augenblicklich und für immer Vertrauen gesetzt hatte, ist es mir vorgekommen, als wären wir einander immer mehr aus dem Gesichtskreis verschwunden, ohne einander aber aus den Augen zu lassen. Was uns gegenseitig am Werk des anderen in die Augen gestochen ist, konnte aber vom jeweils anderen nicht direkt benutzt werden. Aber das Wort Inspiration (also er hat mich natürlich inspiriert, umgekehrt weiß ich es nicht) ist auch nicht das richtige, im Gegenteil, denn bloße Anregung war es ja auch nicht. Ich sah und sehe Christoph ja als Bildenden Künstler, seine Theaterarbeit ist immer mehr in diese Richtung gegangen, in Richtung von etwas Prozessualem, das im Fortgang etwas entstehen läßt, das sich zwar immer auf dem Theater realisieren ließ, aber Theater nicht war, sondern etwas anderes. Da ich mich ihm aber nicht nähern, sondern ihm nur Textteile wie Sterntaler hinschmeißen kann, weiß ich nicht genau, was dieses Andere ist.

aus: Elfriede Jelinek: Schlingensief. In: http://a-e-m-gmbh.com/wessely/fschlings.htm, datiert mit 1.6.2010 (= Elfriede Jelineks Homepage, Rubriken: Aktuelles, zur Kunst).

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